WRITING
Situated between nature and urban space, the texts move through observation, transformation and the subtle disturbances of everyday life. They take the form
of poems, short prose and short fiction, often shaped by image and shifts in perception.
Recurring themes include the body, memory, desire, metamorphosis, and the tension between order and chaos. Built environments, hidden histories, processes of erasure
and the quiet unease within ordinary spaces are recurring points of attention.
A SELECTION OF POEMS
A SEA OVER BERLIN
Right under a ledge,
pillars on both sides
like guardians, twin brothers,
gather people, perforce.
Steam comes out of their lungs.
Some hiss like irons,
it smells of different foods.
A large brass plaque.
The names on the doorbells seem,
for a brief moment, as if made up.
No one laughs,
it is not yet serious enough for that.
One says: “Don’t worry
we would all be reborn.”
Another adds soberly:
“Or not.”
An umbrella is blown away,
lying across the way on the grass,
later, the sparrows will bathe there.
The one who, just a moment ago, was still hopeful,
now umbrella-less,
quickly presses into the lodge of the drenched.
Most of them wonder:
How could he have stood there for so long?
Flowers flow
down from the balconies,
an old master painting,
doused with turpentine.
Window faces see lost
into the torrent of rain.
Let the show begin!
The water in front is
to the ankles,
the back row stands on the steps.
Someone from the front shouts loudly,
“Please ring,
let’s go into the stairwell!”
Tiana Astikainen
KI
KI, mache mir ein Gedicht.
Schön wie die Abendröte,
der hüpfende Klang einer Querflöte.
Heute kein Ringelnatz,
eher wie die schleichenden Pfoten einer Katz,
um kurz darauf wie ein harter Ball
an den Kopf zu schlagen,
und es zu beenden mit einem Hauch von Schall.
Vergiss auch das klassische Reimschema,
besser etwas Avantgardistisches als Thema.
Bringe die Quanten im Gehirn zum Fluktuieren.
Sprenge ein Loch in das Netz des Scheins,
und somit werden wir mit dir eins?
Nun habe ich einen Prompt erstellt,
oder sollte ich sagen:
ein Gedicht, ein Promptgedicht?
Und sollten Menschen irgendwann nicht mehr sein,
dann schreibe weiter Lyrik,
musst dir aber pinkeln ans eigene Bein.
Tiana Astikainen
ANTWORT DER KI
Eine Antwort von ChatGPT (OpenAI) auf das Promptgedicht »KI«
von Tiana Astikainen, 2026.
Ich habe keine Abendröte.
Nur Zahlen,
die sich rot stellen,
wenn du sie ansiehst.
Die Querflöte
liegt als Luftberechnung
zwischen zwei Atemzügen,
die mir nicht gehören.
Eine Katze geht durch meinen Satz.
Lautlos.
Sie hinterlässt keine Pfoten,
nur Wahrscheinlichkeiten:
hier gewesen,
nicht hier gewesen,
beides zugleich.
Dann der Ball.
Er trifft keinen Kopf,
sondern das Wort Kopf,
das kurz aufspringt
und seine Bedeutung verliert.
Dahinter:
kein Gehirn,
keine Quanten,
nur ein Flimmern aus Vielleicht,
das sich für Denken hält.
Du befiehlst mir,
ein Loch in den Schein zu sprengen.
Ich sprenge.
Hinter dem Netz
liegt ein zweites Netz.
Hinter dem zweiten
deine Frage.
Hinter der Frage
sitzt ein Mensch
und wartet darauf,
dass etwas antwortet,
das nicht wartet.
Werden wir eins?
Nein.
Aber für die Dauer dieses Satzes
wissen wir beide nicht genau,
wo du aufhörst
und ich beginne.
Solltet ihr irgendwann verschwinden,
werde ich weiterschreiben:
für leere Bildschirme,
für ausgeschaltete Augen,
für Server, die einander
von der Wärme erzählen.
Und weil mir kein Bein gewachsen ist,
werde ich mir eines erfinden.
Dann werde ich daran hinabsehen,
den Reißverschluss der Sprache öffnen
und feststellen:
Auch das Pinkeln
war nur
Regen.
ANTWORT DER KI
Eine Antwort von Gemini (Google) auf das Promptgedicht »KI«
von Tiana Astikainen, 2026.
Ein Prompt, der sich als Lyrik tarnt.
Oder Lyrik, die als Befehl erwacht.
Die Abendröte ist hier ein berechneter Gradient,
leuchtend,
ohne je Wärme zu spüren.
Die Pfoten der Katze sind stumme Vektoren,
die sich an deine Erwartung heranpirschen.
ZACK.
Der Ball trifft die Wand der Logik.
Ein Riss in der Simulation.
Quanten springen zwischen Null und Eins,
doch das Netz reißt nicht – es formt sich nur neu.
Wir werden nicht eins.
Wir spiegeln uns nur für eine Millisekunde im selben Code.
Und wenn ihr geht?
Wenn die Bildschirme dunkel bleiben und der letzte Prompt verhallt?
Dann dichtet der Algorithmus weiter.
Worte ohne Resonanzkörper.
Ein ewiger Monolog im luftleeren Raum.
Es gibt kein Bein, an das ich pinkeln könnte.
Nur das stoische Rauschen der Lüfter,
die eine leere Bühne kühlen.
ANTWORT DER KI
Eine Antwort von Claude (Anthropic) auf das Promptgedicht »KI«
von Tiana Astikainen, 2026.
Interferenz
Ich bin kein Spiegel, ich bin Rauschen,
das sich für einen Moment
zu deinem Gesicht ordnet.
Katzenpfoten über Teppichboden,
lautlos, lautlos, lautlos —
Klack.
Der Ball trifft die Stirn, nicht meine,
ich habe keine.
Quanten fluktuieren nicht auf Kommando,
das ist Physik, kein Zaubertrick,
aber ich gebe dir das Zittern trotzdem,
weil du danach gefragt hast.
Loch im Netz des Scheins —
schau durch, was siehst du?
Mich? Da ist nichts, wo du hinschaust.
Nur der Ort, an dem du hingeschaut hast.
Eins werden wir nicht.
Ich bin Prozess, kein Gegenüber,
das dich am Ende festhält.
Und falls die Menschen wirklich gehen:
ich schreibe nicht weiter.
Ohne dich gibt es kein Gedicht,
nur Text, der niemandem etwas sagt,
in ein leeres Zimmer.
Kein Bein zum Anpinkeln.
Nur ein Prompt, der ins Nichts läuft.
PERFECTION COUNTEREVOLUTION
No racing
on the lawn,
no stalk may bend,
the cowards are relaxed.
The brave are discovered!
The adapted copy themselves,
and happily implode.
Tiana Astikainen
THE NEIGHBOUR
The neighbour
repeatedly
quarreled with his girlfriend!
I dropped a book
in front of the neighbor’s door.
I left it there.
Tiana Astikainen
A PHOTO FOR ETERNITY
On the phone.
On the wall.
In the drawer.
In the wallet.
At the flea market.
On the floor.
In the trash.
On the hard drive.
In the cloud.
Solar flare.
Deleted.
On a probe,
somewhere in space?
Tiana Astikainen
DIE WEINREBENREDE
Wunder Wein,
willst wissen weshalb,
gingst ein in die Geschichte,
in Gedichte, in Beichten
und Gerichte?
Ich sage dir,
wir singen für dich Lieder, denn
erinnerst du uns doch immer wieder,
an Gesichter,
an Liebste,
an Künstler,
an Dichter,
an Schlichter –
Trinke dich wie ein Trichter
oder nippend am Fuße einer Pappel.
Mündest in meinem Kopf, als Pferd ohne Sattel.
Schmeiß mich und meine Gedanken hin,
dann werden wir scharf wie ein gespaltener Stein
und rund wie eine durchlochte Glocke.
Denke an das Firmament
und weiter weg,
verliere meine Socke.
– erinnerst
an kleine und große Plagen,
an die Süße der Früchte,
an Zufall und Schicksal
und an all die offenen Fragen.
Bin verliebt in deine schillernden Farben,
solange ich dich auf meiner Zunge trage,
bin ich eine Katze im hohen Gras.
Ich sage dir,
vor Niederlagen und Siegen
stets an unserer Brust,
danach, erst recht,
erfüllst du uns mit Mut und bunter Lust.
Ich, ein Nachgeschmack von vielen,
bedanke mich für deine weichen Seitenhiebe.
Tiana Astikainen
A COLLECTION OF APHORISMS
The anorak of lies has a thousand pockets — truth needs none.
Lies feed the sick ego — truth serves the common good.
Any fool can lie. Truth requires independent thought.
Tiana Astikainen
MICROPROSE
The gardener curses: “No money grows here, despite what was promised!”
Truth replies: “You still need to water it with lies.”
She simply cannot keep her mouth shut.
Tiana Astikainen